Anfang Mai. Wir sitzen im Holzmarkt an der Spree und treffen Eugénie Wateau und Marie Populus, Vorstandsmitglieder und Geschäftsführerinnen von SuperCoop Berlin. Morgen werden wir den genossenschaftlichen Supermarkt besichtigen und mitarbeiten. Es ist die letzte Lernreise im Rahmen von Urban Food und unserem Projekt »Pilot Mitmach Supermarkt«, gefördert von der Wirtschaftsagentur Wien, aus Mitteln der Stadt Wien.

Autorin: Beatrice Stude

Der Standort ist gefunden, doch plötzlich stellt der Vermieter sie vor die Wahl: Eine viel größere Fläche anzumieten oder gar keine. Alles oder Nichts! SuperCoop eröffnet im September 2021 auf 300 Quadratmetern, baut derzeit aus, Mitte Mai gehen die insgesamt 700 Quadratmeter in Betrieb. Ein Vorteil für sie war, dass der größere Teil der Fläche erst vor kurzem frei wurde – doch das Tagesgeschäft aufzubauen und der Ausbau zugleich, das fordert.

Standort

Die großen Fenster des Erdgeschosses der Osram-Höfe schauen nach Norden: Viel Licht, keine direkte Sonne im Sommer. Ideal. Ihr Wunschstandort war Friedrichshain-Kreuzberg. Gelandet sind sie im Nordosten von Wedding, sehr zentral für Berlin. Heute ist Wedding ein Ortsteil vom Bezirk Berlin-Mitte. Der Kiez heißt Leopoldskiez, im Alltag oft Osramkiez – und liegt fünf Kilometer nördlich des Brandenburger Tores.

10.000 Euro Miete sind nun jedes Monat zu stemmen – über 14 Euro am Quadratmeter, inklusive Betriebskosten, exklusive Umsatzsteuer. Dieser Teil, die Hälfte des Gebäudeensembles der Osram-Höfe, ist seit 2019 im Eigentum der Cording Real Estate Group, Teil der Edmond de Rothschild Real Estate Investment Management Plattform.

Günstiger als im Bioladen

Bio-Äpfel aus der Region kosten 2,82 Euro das Kilo; 500 Gramm Bio-Berglinsen 2,42 Euro; lose Bio-Eier 0,48 Euro das Stück; ein Liter Bio-Wein 5,55 Euro; der bio Green-Espresso 15,23 Euro pro Kilo und der Solino-Kaffee, konventionell und fairplus, 18,43 Euro.

Bei Obst und Gemüse ist alles bio, wie auch bei der losen Ware – ein Anreiz bio unverpackt einzukaufen. Die Mitglieder können mitgebrachte Behältnisse vorab wiegen und dann mit Haselnüssen, roten Linsen oder Natron befüllen, wie auch Spül- oder Waschmittel in mitgebrachte Flaschen abfüllen.

Konventionelle Produkte sind mit einem roten Pickerl am Regal-Preisschild gekennzeichnet. SuperCoop hat heute circa 10 Prozent konventionelle Produkte im Sortiment – maximal 20 Prozent war ihre eigene Vorgabe.

2.600 Produkte haben die Mitglieder Anfang 2022 zur Auswahl, künftig werden es 3.600 sein. Das Sortiment wird erweitert, die Kategorien Tierfutter und Küchenutensilien kommen hinzu.

Bargeld gibt es hier nicht. Bezahlen in der SuperCoop geht nur mit Karte, lieber Bankomat- als Kreditkarte, da hier weniger Gebühren anfallen. Das erspart den Kassasturz, schließt das Verrechnen beim Wechselgeld geben aus – und scheint hier niemanden zu stören.

Rohaufschlag & Rabatt

23 Prozent werden auf alle Produkte aufgeschlagen, bei frischer Ware weitere 3 Prozent. Die abgelaufenen Produkte werden für zwei Tage zum Einkaufspreis verkauft – einige Mitglieder zahlen dennoch den vollen Preis. Nach Ablauf der zwei Tage werden die Produkte verschenkt. Auf altes Brot gibt es 10 Prozent Rabatt, es wird am Abend eingefroren für den Verkauf am nächsten Tag.

„Wir wissen was wir einkaufen und was wir verkaufen!“

Den Anteil der rabattierten Ware können sie über die Kassa auswerten. Verschenkte Produkte, Schwund oder Verderbliches wird derzeit noch nicht aufgezeichnet. Viel ist es bei Obst und Gemüse nicht, das weggeworfen werden muss. Bald wollen sie eine Inventur hierfür einführen.

Bedientheke & Hygiene

„In Frankreich gibt es keinen Schnittkäse, das ist eine kulturelle Besonderheit Deutschlands.“

Eine Bedientheke für Käse und Wurst war bei SuperCoop nie ein Thema. Bei MILA ist das anders: Fein aufgeschnittene Wurst wünschen sich so einige Mitglieder. Ideal, wenn diese mit mitgebrachter Tupperware eingekauft werden könnte.

Wurst und Fleisch ist bei SuperCoop kaum nachgefragt. Marie hätte Bedenken, Mitglieder in ihren Schichten an einem Schneidegerät arbeiten zu lassen. Da könnten sie sich leicht verletzen. Letztlich ist eine Bedientheke auch viel Aufwand und braucht Mitglieder, die dahinter bedienen. Zudem gelten andere Hygienevorschriften als bei einem Vorbereitungsraum abseits der Verkaufsfläche.

SuperCoop hat zu Beginn des Umbaus die Lebensmittelaufsicht zum Besichtigen und Besprechen der getroffenen Maßnahmen eingeladen.

Nachhaltig vs. haltbar

Für SuperCoop zählt die Qualität und geografische Nähe, nicht die politischen Grenzen: Im Berliner Raum soll künftig auch auf Vertrauensbasis beschafft werden – ohne Bio-Zertifikate – da die Produktion hier leichter prüfbar ist. Beim Beschaffen aus Polen gibt es noch Hürden: sprachlich mit den Lieferant:innen und kulturell durch Vorbehalte – deutsche oder französische Pilze verkaufen sich leichter als polnische.

Bio ist nur ein Kriterium. Bei Kaffee sind ihnen die Arbeitsbedingungen wichtig, und dass die Wertschöpfung bei den Produzent:innen bleibt. Verpackung ist ein weiteres Kriterium; nachhaltig verpackt und lange haltbar stehen zumeist im Widerspruch: Wachspapier ist teuer und hält Käse und Wurst nicht so lange frisch. Vakuumieren, bedeutet dickes Plastik einzusetzen. Hier sind Kompromisse zu finden.

Wer spontan einkaufen kommt oder das Sackerl vergessen hat, kann eines Ausleihen. An der Kassa sind Stoffsackerl und große Papiertüten zu finden: Immer wieder bringen Mitglieder leere Sackerl mit, ab und an wäscht sie jemand – es läuft, selbstorganisiert. Das haben wir für den MILA Minimarkt gleich übernommen.

Produkte wünschen

An der Pinnwand am Eingang hängt die Wunschliste, unterteilt nach Produktkategorien: Erhält ein Wunschprodukt drei Stimmen anderer Mitglieder kommt es ins Regal – manchmal auch bei weniger Stimmen, wenn es Marie interessant findet 😉

Welche neuen Produkte es gibt, erfahren die Mitglieder über slack, einen Instant Messenger – die Mitglieder, die auf slack sind – manches wird auch auf Facebook und Instagram geteilt. Neue Produkte im Geschäft anzukündigen ist eine Idee, die sie noch umzusetzen wollen.

Einkaufen & Mitglied werden

Bei Ankunft in der SuperCoop wird nachgeschaut, ob die letzte Schicht gearbeitet wurde. SuperCoop hat 700 aktive Mitglieder, sie arbeiten mit und kaufen ein – bei der Eröffnung im September waren es 550. Und, es gibt 50 bis 60 passive Mitglieder, die SuperCoop mit ihrem Genossenschaftsanteil fördern.

Jedes Mitglied arbeitet alle 4 Wochen für 3 Stunden mit. Neu bei SuperCoop ist, dass jedes Mitglied eine Person bestimmen kann, die zusätzlich einkaufen darf. Diese Person muss nicht im selben Haushalt leben, denn viele Paare in Berlin leben nicht zusammen. Kinder dürfen sowieso einkaufen.

Interessierte dürfen gleich einkaufen, erhalten einen Flyer für erste Infos. Wer dann Mitglied werden möchte, muss zu einem Info-Treffen kommen: Hier wird das Konzept vermittelt, deine Rechte und Pflichten als Mitglied, als auch: Wie kannst du dich engagieren, wie mit den anderen kommunizieren?

Spielecke & Soziales

Die Spielecke für Kinder ist vor dem Fenster des Mitgliederbüros geplant. Ob es hier pädagogisch ausgebildete Betreuung braucht oder eingeschulte Mitglieder wird sich zeigen. Ein Workshop zu »Sprouts«, zu Sprossen, fand bereits statt. Jedes Mitglied kann etwas anbieten, bei genug Interesse, findet es statt.

SuperCoop hat relative wenig Ware, die verdirbt. Auch der Bio-Abfall von Obst und Gemüse ist recht gering – was verwertbar ist, wird an der Kassa verschenkt.

Derzeit kooperiert SuperCoop mit »Moabit hilft«, einer Lobby für Geflüchtete. Für die Ukraine gibt es eine Spenden-Box – für Lebensmittel.

Wedding & Nachbarschaft

Die Tram hält direkt vor der Tür. Dahinter erstreckt sich ein Friedhof mit anschließendem Park. Auf der anderen Seite im Nordosten ist ein großes Geriatriezentrum, die Osram-Höfe selbst sind eher weitläufig. Wedding hat die drittstärkste Bevölkerungsdichte in Berlin-Mitte mit 9.200 Menschen am Quadratmeter. Zum Vergleich in Wiens Ottakring sind es 11.800. Doch im direkten Umfeld der SuperCoop ist diese Dichte nicht so augenscheinlich.

SuperCoops Newsletter ist zweisprachig: auf Deutsch und Englisch. Die Flyer, die SuperCoop erklären, gibt es auf Englisch, Türkisch, Polnisch und Deutsch. Über die Hälfte der Menschen hier in Wedding haben Migrationshintergrund. Fast 35 Prozent kommen aus dem Ausland.

30 Prozent der Mitglieder leben nicht in Wedding und kommen nur einmal im Monat einkaufen – viele fahrrad-rucksäcke-weise.

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