Anfang Mai. Wir sitzen im Holzmarkt an der Spree und treffen Eugénie Wateau und Marie Populus, Vorstandsmitglieder und Geschäftsführerinnen von SuperCoop Berlin. Morgen werden wir den genossenschaftlichen Supermarkt besichtigen und mitarbeiten. Es ist die letzte Lernreise im Rahmen von Urban Food und unserem Projekt »Pilot Mitmach Supermarkt«, gefördert von der Wirtschaftsagentur Wien, aus Mitteln der Stadt Wien.

Autorin: Beatrice Stude

Zwei erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen haben sie bereits gemacht: Bei der ersten haben sie die Vision kommuniziert, bei der zweiten waren sie schon viel konkreter und haben das Ziel vermittelt und auf das Gewinnen neuer Genossenschaftsmitglieder fokussiert. Startnext ist für sie eine gute Crowdfunding-Plattform, um viele Leute zu erreichen. Ihre zweite Kampagne war ein Experiment für Startnext, da es für die Genossenschaftsanteile keinen Abzug für die Plattform geben darf.

Wer darüber hinaus weiter finanziell unterstützen will, kann als Mitglied auch zusätzliche Genossenschaftsanteile zeichnen – oder, eine Bürgschaft übernehmen und ein Nachrangdarlehen geben, die mit einem Prozent verzinst sind.

Dazu hat sich SuperCoop 90.000 Euro geliehen, von der GLS Bank – einer Ökobank, die viel Erfahrung mit gemeinschaftlichen Projekten hat. Die GLS Bank hat SuperCoop als nicht profitorientiert anerkannt. Der Banker, der sie betreut, ist sehr interessiert an ihrer Idee, Abholstationen einzurichten: Also Hubs als Abholstationen mit Vorbestellung aufzubauen – das haben sie in ihrer zweiten Crowdfunding-Kampagne als Vorhaben kommuniziert: In Neukölln und Friedrichshain sollen diese eingerichtet werden. Jetzt ist jedoch erst einmal der Ausbau zu organisieren.

„Paris ist das Vorbild, aber Vieles haben wir adaptiert: Land und Kultur sind verschieden.“

Geschäftsführung und Vorstand in Einem

SuperCoop hat vier Vorstandsmitglieder, die zugleich die Geschäftsführung inne haben und Vollzeit angestellt sind. Eugénie macht Warenwirtschaft, IT und Buchhaltung, sie hat Logistik und Betriebswirtschaft studiert, sowie fünf Jahre im Verkauf und Logistik gearbeitet. Marie ist zuständig für die Finanzplanung und neue Produkte, sie hat ebenfalls Betriebswirtschaft studiert und in der Agrarwirtschaft gearbeitet.

Jessica Pawlak und Johanna Kühner sind ebenfalls im Vorstand. Jessica leitet das Mitgliederbüro, 15 Mitglieder arbeiten hier mit. Sie ist verantwortlich für den Mitglieder-Newsletter und Social Media Auftritt. Johanna leitet die Öffentlichkeitsarbeit und hat die Crowdfunding-Kampagnen geleitet. Zudem kommuniziert sie mit der Bank und Behörden, hat federführend die Satzung miterarbeitet und koordiniert jetzt den Ausbau.

Treffen & Abstimmen im Team

Dienstags, da ist SuperCoop geschlossen, ist fürs Koordinieren im Team reserviert – der regelmäßige informelle Austausch ist wichtig. Es gibt immer einen thematischen Schwerpunkt, für den kommenden Dienstag ist es zum Beispiel Personal – die Agenda wird am Vortag finalisiert.

Donnerstags machen sie immer einen kurzen Jour fixe: Jede hat 5 bis 7 Minuten, die anderen zu informieren: Was hab ich geschafft? Was sind meine Prioritäten für die nächste Woche? Welche möglichen Hindernisse gibt es? Und, was ist das brennende Thema, an dem wir nächsten Dienstag arbeiten wollen?

Bald wird es ein abgetrenntes Mitgliederbüro und dahinter Büro für die Angestellten geben: Das ermöglicht konzentriertes Arbeiten. Denn derzeit steht der Bürotisch am Eingang – viele Fragen zwischendurch bringen sie immer wieder aus der Arbeit raus. Zum Teil konnten sie auch das benachbarte Co-Working nutzen, und wurden nur bei den wichtigsten Fragen angerufen. Die dortige Kantine verköstigt auch uns in der Mittagspause.

Gehälter

Die vier Vorstandsmitglieder sind derzeit die einzigen Angestellten bei SuperCoop. Sie verdienen alle gleich viel: 2.200 Euro brutto, das sind in etwa 1.500 Euro – sie leben zum Teil von Erspartem. Sie arbeiten alle Vollzeit, also 40 Stunden die Woche, meist mehr. Sie treten bald in Dialog mit dem Aufsichtsrat um ihr Gehalt auf 2.000 Euro netto nachzuverhandeln. Circa 25 Prozent ihrer Arbeitszeit leisten sie Vorstandsarbeit, circa 75 Prozent sind sie operativ in der Genossenschaft tätig. Ihre Aufgaben niederzuschreiben und weitere Agenden an Mitglieder zu delegieren ist derzeit in Arbeit – dabei unterscheiden sie vor allem: Was ist Projektarbeit, was wiederkehrende Arbeit?

Fürs Erwirken des Bescheides der Rentenversicherung kooperierten sie mit der FoodHub in München. Damit haben sie es schriftlich: Ehrenamtlich mitarbeitende Mitglieder unterliegen nicht der Sozialversicherungspflicht und sind auch nicht anzumelden.

Eine weitere Stelle soll geschaffen werden, für die Koordination im Supermarkt. Dieser Job ist aktuell mit 2.600 Euro brutto, circa 1.700 bis 1.800 Euro netto ausgeschrieben.

Im April 2022 haben sie 45.000 Euro exklusive Umsatzsteuer umgesetzt. Über 100.000 Euro ist das Ziel, um kostendeckend zu sein. Der durchschnittliche Einkaufskorb beträgt derzeit 70 Euro.

Generalversammlung & Aufsichtsrat

SuperCoop hat einen ehrenamtlichen Aufsichtsrat mit fünf Mitgliedern eingerichtet. Der Aufsichtsrat trifft sich einmal im Quartal und ist darüber hinaus auch öfters in operative Prozesse eingebunden. Es war eine Bedingung der Finanzierung durch die GLS Bank, dass es einen Aufsichtsrat gibt. Die Aufsichtsratsmitglieder arbeiten ehrenamtlich.

Claus Huth ist Anwalt, und hat schon eine Genossenschaft gegründet, er organisiert die Aufsichtsrats-Treffen. Christophe Guené hat viel Finanzerfahrung, Ela Kagel viel Erfahrung in Gemeinschaft und Teamarbeit. Felix Weth, der Gründer von Fairmondo, fokussiert auf die Vision. Und, Lauriane Piot, ist Mitgründerin der SuperCoop, ihr Fokus sind die Angestellten.

Die Generalversammlung wählt den Aufsichtsrat. Der Aufsichtsrat schlägt die Vorstandsmitglieder vor, die von der Generalversammlung gewählt werden. Die Aufsichtsratsmitglieder werden alle drei Jahre gewählt, die Vorstandsmitglieder und damit auch gleichzeitig die Geschäftsführung wird alle zwei Jahre gewählt bzw. bestätigt.

Die Beschaffung

Eugénie und Marie bestellen die Ware. Künftig wollen sie die Bestellung weiter aufteilen, sodass jede*r Angestellte für bestimmte Warengruppen zuständig ist. Wer dann beispielsweise die lose Ware verantwortet, wäre auch für weitere Container und den Ausbau zuständig. Außerdem wollen sie eine Arbeitsgruppe aufbauen, die sie unterstützt.

Alle Mitglieder können neue Lieferant*innen vorschlagen. Das heißt bei SuperCoop aber nicht einfach nur nennen, sondern gründlich recherchieren. Als Hilfestellung gibt es hierfür einen Fragebogen, indem jedenfalls drei Beschaffungskriterien erfüllt und kurz begründet werden müssen. Diese Vorarbeit bietet auch später in der Kommunikation der neuen Produkte viele Vorteile – da das »Warum?« dieses neue Produkt im Regal steht, gleich mitkommuniziert werden kann. So eine Arbeitsgruppe bedarf jedoch mehr als der drei Stunden Mitarbeit alle vier Wochen, damit sie funktioniert.

Mitarbeiten und Einkaufen

Marie weist mich Max zu, der erteilt mir meine Aufgaben: Zuerst soll ich die Pappkartons einsammeln und mit dem Einkaufswagen zur Papierpresse im Hof bringen. Dann die Eier einschlichten. Es gibt zwei Eiersorten – beide bio. Die einen im 6er-Pack, die anderen lose. Das taugt mir, wer nicht so oft Eier isst, kann für ein Gericht oder zum Kuchen backen nur die benötigte Anzahl kaufen.

Am Samstag bekommen Ulla und ich die herausfordernde Aufgabe die lose Ware Behälter auseinander zu bauen, zu reinigen und wieder zusammen zu setzen und neu zu befüllen. Das gibt erkenntnisreiche Einblicke dafür, wie Unverpackt organisiert werden sollte – der Filmbeitrag über unsere Lernreise wird einen gewissen Unterhaltungswert haben – Victor war mit Kamera dabei und hat dokumentiert.

In der SuperCoop hat es schnell die Runde gemacht, dass wir aus Wien zu Besuch sind, und auch mitarbeiten. Nach der Erweiterung und wenn die Mitgliederzahl wächst, muss erkennbar sein, wer gerade mitarbeitet – die einkaufenden Mitglieder sollen nicht ins Lager gehen. Marie überlegt noch was das für SuperCoop sein könnte. Die mitarbeitenden Mitglieder in der FoodHub in München tragen zum Beispiel Schürzen.

Im Mai wird eröffnet

Wir dürfen auch die Baustelle besichtigen, es ist noch viel zu tun bis zum geplanten Eröffnungstermin am 18. Mai. Doch bereits von Freitag auf Samstag hat sich viel getan. Die Zwischenwand, die jetzt den Verkaufsraum von der Baustelle, also der Erweiterung abtrennt, wird in wenigen Tagen abgebaut sein.

Die Toiletten sind im Umbau, es waren zu viele: Das Damenklo wurde zum großzügigen barrierefreien WC umgestaltet, im Herrenklo werden die Pissoirs abgeschafft und es wird ein Unisexklo – wo alle sitzen.

Dazu gibt es einen Verarbeitungsraum und vis-à-vis das Mitgliederbüro. Dazwischen wird das Lager sein. Flexibel, nur abgetrennt mit Regal, sodass auf künftigen Flächenbedarf für Lager, Zusammenstellen der Ware für die Abholstationen oder ein mehr an Verkaufsfläche reagiert werden kann.

Neben der räumlichen Erweiterung stellt die SuperCoop auch ihr Warenwirtschaftssystem um: Von Odoo auf Biooffice – 80 Prozent der Biomärkte arbeiten mit Bio Office – wie auch das FoodHub München. Die Mitglieder, die Odoo aufgesetzt und den Support gemacht haben, sind jetzt nicht mehr da. Wenn es funktioniert hat, war es super, wenn es Probleme gab, sehr schwierig – daher der Wechsel.

Wir wünschen weiterhin einen erfolgreichen Aufbau – und viele weitere Mitglieder!

Nachtrag Eröffnung

Mitte Mai wurde wie geplant der Ausbau eröffnet. Beatrice war Anfang Juni in Berlin und hat ein paar Fotos mitgebracht.

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