La Louve

Infos

  • Ort: Paris, Frankreich
  • La Louve bedeutet „die Wölfin“
  • Gegründet 2017
  • 5.000 Mitglieder
  • www.cooplalouve.fr

Lernreise:  Nov. 2021

Tom Boothe, La Louve

Tom Boothe, Foto: Irmgard Kirchner

Einer der Mitbegründer von La Louve ist Tom Boothe. Der gebürtige US-Amerikaner lebt seit 17 Jahren in Paris. Irmgard Kirchner von MILA hat im Februar 2020 in Paris das folgende Interview mit ihm geführt.

Warum braucht Wien einen partizipativen Supermarkt? 

Supermärkte gibt es aus gutem Grund. Sie passen zu der Art, wie Menschen heute leben. Würden wir nur zwölf Stunden pro Woche arbeiten, wäre die ideale Art einzukaufen sicherlich eine Vielzahl von winzigen Geschäften. Supermärkte haben eine nützliche Funktion in ihrer Umgebung. Ihr Fehler ist, dass sie profitorientiert sind. Sie sollten ein Selbstverständnis wie eine öffentliche Bibliothek haben: Dort werden Comics genauso angeboten wie qualitativ hochwertige Literatur. Jede*r ist willkommen. Umgelegt auf Supermärkte hieße dies: Sie wissen viel über Lebensmittel, versuchen, die besten Lebensmittel anzubieten, wissen, dass der Preis ein Faktor ist, weswegen es auch konventionelle und industriell gefertigte Produkte gibt. Wenn man will, dass die Leute bessere Produkte kaufen, dann muss man genau das machen.

Doch es geht nicht nur um die Produkte, die verkauft werden…

Ein funktionierender Supermarkt wird ganz leicht auch zu einem kulturellen und sozialen Ort. Eine Frau, die seit über zehn Jahren in diesem Viertel lebt, hat gesagt, dass sie sich erst durch La Louve als Bewohnerin dessen fühlt. Märkte waren zu allen Zeiten in allen Kulturen soziale Orte ersten Ranges. Weil die Menschen heute in Supermärkten einkaufen, haben wir das verloren. Nichts hält einen im Supermarkt. Hier in La Louve bleiben die Leute gerne. Sie sprechen miteinander, sie gehen nach ihrer Mitarbeit gemeinsam auf einen Drink.

Wir bieten Lebensmittel von hoher Qualität, die viel billiger sind als anderswo. Und das in einem außergewöhnlichen sozialen Umfeld.

Im Vorjahr waren es 7,2 Millionen Euro, die durch La Louve nicht in die kapitalistische Ökonomie geflossen sind. Alle Gewinne gehen durch die günstigen Preise in die Taschen der Menschen hier im Viertel. Wenn wir Überschüsse haben, geben wir das Geld direkt an die Gemeinschaft. Für mich ist es ein perfektes Modell. Wir unterstützen die Idee des Supermarktes. Aber wir wandeln ihn in etwas um, das der Gemeinschaft gehört.

Wie viele Initiativen wie MILA gibt es im Moment, wie viele Besucher*innen wie mich, empfängst Du? 

An die 100 Projekte haben uns kontaktiert. Von manchen hören wir nie wieder etwas. Andere Projekte fangen gut an, funktionieren dann aber aus verschiedenen Gründen nicht. Zum Beispiel, weil Uneinigkeit über das Ziel eines vollwertigen Supermarktes herrscht. Wir sagen klar: Wenn Leute drei Stunden alle vier Wochen mitarbeiten und dann noch woanders einkaufen müssen, dann bleiben sie nicht beim Projekt. Andere Projekte wollen gleichzeitig eine Produzent*innen-Kooperative sein. Das ist eine extrem schlechte Idee. Wir von La Louve behandeln unsere Produzent*innen tadellos. Das fordern unsere Mitglieder. Es gibt keine Preisdrückerei. Wenn man eine Konsument*innengenossenschaft mit einer Produzent*innenengenossenschaft vermischt, gibt es allerdings Konflikte. Produzent*innen haben ein anderes Interesse und können auch skrupellos sein. Wirklich ernsthafte und Erfolg versprechende Projekte gibt es zwölf bis 14.

La Louve funktioniert, weil wir Park Slope studiert und imitiert haben. Innovation geht nicht von den Initiator*innen eines Projektes aus, sondern von der gesamten Kooperative aus der Praxis heraus. Innovation kommt aus langweiligen Dingen, nicht aus sexy Vorschlägen. Wir lehnen das Konzept des genialen Unternehmertums ab. Park Slope hat exzellente, hoch qualifizierte, pragmatische Angestellte, die verantwortlich fürs Funktionieren sind. Aber sie sind Teil einer Tradition, die im 19. Jahrhundert begann, in der Idee der Konsument*innengenossenschaft: ein sehr einfaches, sehr gutes System, zu dem Tausende Menschen beitragen. Es geht nicht ums einzelne Ego. Wir wollen so Ego-frei wie möglich sein.

Was sind besonders wichtige Punkte für neue Initiativen? 

Die Qualität der Gründer*innengruppe. Es müssen gute Leute sein, die gut arbeiten. Sie müssen über das Projekt übereinstimmen. Habt die Demut, die Dinge zu studieren, die funktionieren. Die gute Nachricht: Park Slope funktioniert seit 47 Jahren und wir von La Louve arbeiten daran, alle diese Praktiken zu dokumentieren und allen zugänglich zu machen – vorausgesetzt, sie wollen unser Modell. Studiert hart, aber habt keine Angst, schnell weiterzugehen. Es wird sehr aufregend, ein Schwesternprojekt in Wien zu haben!